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Tina und der Apfelsaft-Zauber

Tina Krümelmann hatte einen Einkaufsplan. So wie jeden Dienstag.
In ihrer einen Hand hielt sie ihre Liste, in der anderen trug sie zwei schwere Einkaufstaschen. Sie kannte den Supermarkt auswendig. Sie wusste, wo die Nudeln stehen, wo der Tomatensaft ist und wo die Äpfel liegen – nur grüne Äpfel mochte sie nicht. Die mochte sie noch nie.

Alles war ordentlich und immer gleich. Kein Platz für Überraschungen.

Auf der anderen Straßenseite stand Nennia.
Sie beobachtete Tina schon eine Weile – wie sie lief, wie sie wirkte.
Nennia erinnerte sich an das Kind, das Tina früher einmal war: wild, fröhlich, voller Neugier.
Ein Mädchen, das Pilze suchte, durch den Wald rannte und Lieder sang.
Aber dieses Mädchen… war irgendwo verschwunden.

Am Eingang des Supermarkts stand heute ein Probierstand mit kleinen Gläsern Apfelsaft.
„Frisch gepresst!“, stand auf dem Schild.
Tina blieb kurz stehen. Nicht, weil sie Lust auf Saft hatte. Aber es war umsonst, und so etwas ließ man eben nicht stehen.

Sie schaute auf die Gläser – alle in Reih und Glied.

Nennia trat leise näher. In ihrer Hand hielt sie ihren Zauberstab. Der Kelch an der Spitze funkelte im Licht.

Sie wusste: Tina würde das kleinste Glas nehmen.
Weil sie nie zu viel wollte.
Nie zu laut, nie zu wild.
Ein kleiner Schluck – und weiter.

Ganz vorsichtig ließ Nennia einen Tropfen Zauberwasser in das kleinste Glas gleiten.
Dann stellte sie es etwas zur Seite.
Und verschwand wieder in den Schatten.

Tina griff – genau wie erwartet – nach dem kleinen Glas.

Sie nahm einen Schluck.
Und dann passierte etwas.

In ihrem Bauch wurde es warm. Ganz still. Ganz schön.
Sie schloss kurz die Augen.
Und da war er: der Wald von früher.
Die Sonne fiel durch die Blätter. Sie roch Moos und frische Pilze.
Sie sah sich selbst – ein Mädchen mit roten Wangen, voll Lachen und Abenteuerlust. Ihre Finger waren voller Blaubeersaft.
Sie rannte barfuß.
Sie war frei.

Tina öffnete die Augen.
Sie schaute in ihren Einkaufswagen – voller gewohnter Sachen.
Und dann sah sie die frischen Steinpilze.

Ohne nachzudenken legte sie eine Packung hinein.
Sie standen nicht auf der Liste. Aber das war ihr egal.

Zum ersten Mal seit langer Zeit lächelte Tina – ganz leise für sich selbst.

Aus einer Gasse schaute Nennia zu.
Ach Tina“, flüsterte sie, „das ist erst der Anfang.“

Tina wusste es nicht – noch nicht.
Aber der Zaubertropfen hatte etwas in ihr geweckt.
Etwas, das tief in ihr geschlafen hatte.
Etwas Mut. Etwas Freiheit.
Ein kleines Stück von dem Mädchen, das sie einmal war.

 

Wenn Du in einem Wald leben könntest wie Tina es sich als Kind wünschte, was würdest Du sammeln oder entdecken?