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Tina und der Pilzwald

Tina ging wieder in den Wald, aber diesmal nicht mit einer Liste in der Hand und nicht mit dem Gefühl, dass sie sich beeilen muss, sondern mit einem kleinen Körbchen und mit Augen, die wirklich hinschauten.

Der Wald war nicht mehr nur Erinnerung und nicht mehr nur das Bild aus früher, das sie manchmal kurz gesehen hatte, wenn sie die Augen schloss, sondern der Wald war jetzt, direkt vor ihr, mit weicher Luft, mit Licht zwischen den Zweigen und mit einem Boden, der unter ihren Schritten leise nachgab, als würde er sagen: Du darfst langsam sein.

Tina merkte, wie ihr Körper sich erinnerte, ohne dass sie darüber nachdenken musste: an die Stellen, an denen das Moos dicker wuchs, an die Schatten, die verrieten, wo sich Pilze versteckten, und an das Gefühl, wie man sich durch den Wald bewegt, ohne ihn zu stören.

Als sie an der alten Kastanie vorbeikam, hörte sie ein leises Kichern, und ganz oben im Geäst saß Baddy, der mit den Füßen schaukelte, als wäre der Ast eine Schaukel nur für ihn, während er sie mit funkelnden Augen beobachtete.

„Hihi“, machte er.

„Was die Pilze wohl heute erzählen?“

Tina blieb stehen, legte den Kopf ein wenig schief und lauschte, so als könnte man zwischen Moos und Licht tatsächlich eine Antwort hören, und nach einem Moment sagte sie leise: „Dass wir Zeit haben. Und dass wir teilen sollen.“

Baddy nickte erst ernst, als wäre das eine sehr wichtige Sache, und grinste dann wieder, als wäre Teilen das beste Spiel der Welt.

Tina sammelte behutsam, ohne zu reißen und ohne hastig zu greifen, denn jeder Pilz durfte erst gesehen werden, bevor er ins Körbchen kam; manche ließ sie stehen, manche berührte sie nur kurz, und manche legte sie hinein, als wären es kleine Schätze, die man nicht besitzen, sondern achten soll.

Als das Körbchen gefüllt war, band sie ein rotes Tuch darum – nicht fest, nur so, dass alle gehalten wurden.

Dann ging sie nach Hause, setzte sich in ihre Küche, legte die Pilze vorsichtig auf das Brett und begann zu schnibbeln, ruhig und konzentriert, als würde sie eine Erinnerung ordnen. In der Pfanne brieten die dünnen Scheiben leise, wurden goldbraun und knackig, und der Duft füllte den Raum, warm und nussig, wie ein Versprechen.

Tina kostete einen Chip, lächelte und dachte: Das möchte ich teilen.

Sie füllte die Pilzchips in kleine Tüten, band sie mit Fäden zusammen und machte sich dann auf den Weg, ganz langsam, Schritt für Schritt, hinüber zum Marktplatz.

Dort saßen Bo und Jasper auf einer Bank, Dorflin zeichnete ein paar Linien in sein Skizzenbuch, und der Bürgermeister blieb gerade stehen, als er Tina sah, die schon von weitem rief: „Probiert!“ und eine der kleinen Tüten hochhielt. „Pilzchips. Ganz dünn geschnitten. In der Pfanne geröstet.“

Bo biss hinein und rief sofort: „Knusprig!“

Jasper nickte eifrig.

Dorflin lächelte still, als hätte er gerade eine neue Idee gesehen.

Der Bürgermeister nahm vorsichtig einen Chip, kaute einen Moment und sagte dann, ein wenig überrascht: „Nussig.“

Tina lachte – nicht laut, aber so weit, dass man es fast über den ganzen Platz spüren konnte – und sagte dann: „Am Samstag mache ich eine Waldführung. Kommt, wenn ihr mögt. Wir gehen langsam. Wir hören zu. Wir sammeln nur, was wir verstehen. Und wir lassen zurück, was wachsen will.“

Am Samstag kamen viele: Kinder und alte Menschen, die Bäckerin, ein Briefträger und sogar Gäste aus dem Nachbardorf, die gehört hatten, dass man im Wald wieder etwas lernen konnte, das nicht in einem Heft steht.

Tina ging voran, nicht schnell und nicht wichtig, sondern so, wie man geht, wenn man den Weg respektiert, und sie zeigte, wo Pilze wachsen durften und wo man sie in Ruhe ließ, während sie über Respekt vor kleinen Dingen sprach, über Schritte, die den Boden nicht erschrecken, und über Dank, der manchmal einfach nur bedeutet, still zu werden.

Manchmal blieb sie stehen und sagte gar nichts, und dann hörte man nur Schritte, Blätter und das leise Summen über den Lichtungen, als würde der Wald selbst erzählen.

Als sie den Wald verließen, hatte jeder im Korb ein wenig –

und in der Brust ein bisschen mehr Platz.

Und Du? Wenn Du mit Tina in den Wald kämst – welches Geräusch würdest Du zuerst suchen? Das Knistern des Laubs oder das Summen über den Lichtungen?