Altfred und Neulin arbeiteten inzwischen Seite an Seite.
Fast so selbstverständlich, als hätten sie das schon immer getan –
obwohl es dafür viele Jahre gebraucht hatte.
Und stille Tage, an denen beide lernen mussten, wieder zuzuhören.
Der Garten im Kurpark hatte sich verändert.
Es gab noch ordentliche Wege, so wie Altfred sie mochte.
Aber sie waren nicht mehr nur gerade.
Sie bogen sich ein wenig, als dürften auch Füße entscheiden, wohin sie wollten.
Dazwischen lagen Ecken, die absichtlich wild blieben.
Dort wuchsen Gräser durcheinander.
Blumen suchten sich selbst aus, wo sie stehen wollten.
Und Insekten summten, als hätten sie etwas Wichtiges zu besprechen.
Eines Morgens hing am Eingang ein neues Schild.
Neulin hatte es gemalt. Altfred hatte die Pfosten eingeschlagen.
„Mitmachgarten – pflanz dir was!
Bring einen Ableger mit. Oder nimm einen mit.
Sprich mit dem Beet. Bitte und danke.“
Erika kam als Erste.
Sie setzte eine Rose ein, die sie von ihrer Schwester bekommen hatte,
und erzählte dabei von Sonntagen in einem Garten, den es längst nicht mehr gab.
Dorflin steckte kleine Schilder in die Erde,
auf denen Zeichnungen erklärten,
wo es trocken sein durfte und wo Wasser bleiben sollte.
Tina brachte Waldmeister.
Carlos streute Koriandersamen – mit der gleichen Ruhe, mit der er sonst rührte.
Heinz baute eine kleine Ecke „für das Lauschen“, mit einer Bank, die beim Sitzen nicht knarrte und den Blick auf die Süntelbuchen freigab.
Nachts wanderte Momo ein Stück weiter.
Leise, fast unbemerkt, legte er sich wie eine weiche Decke an Wurzeln, die durstig waren.
Und wenn der Morgen kam, schimmerte das Beet hier und da in Rot, Blau, Gelb und Grün.
„Er spricht“, sagte Neulin einmal leise.
Altfred nickte.
„Ich weiß“, sagte er. Und sein Blick war weich.
An einem Samstag setzten Vater und Sohn gemeinsam einen Apfelbaum.
Sie arbeiteten langsam, hielten die junge Pflanze gerade, füllten Erde nach und traten sie behutsam fest.
„Für Mama“, sagte Neulin.
Altfred legte die Hand auf den Stamm.
„Und für alle, die Schatten brauchen“, sagte er.
Als sie fertig waren, standen Menschen da, die sie nicht kannten.
Eine Reisende aus Dänemark, die den Park in einem Blog entdeckt hatte.
Ein junger Mann aus Hameln, der Bienen mochte.
Eine Familie aus Hannover, die einfach stehen geblieben war.
Der Garten teilte sich selbst.
Ableger wanderten in Taschen.
Geschichten wechselten die Besitzer.
Und niemand ging fort, ohne etwas dagelassen zu haben.
Altfred setzte sich auf die Bank und sah zu, wie Neulin mit einem Kind lachte,
das gerade gelernt hatte, wie man eine Pflanze umsetzt, ohne ihr Angst zu machen.
„Wie der Garten“, dachte Altfred,
„so das Herz.“
Und Du?
Wenn Du ein Schild in den Mitmachgarten stecken würdest –
was stünde darauf?
„Bitte summen“
oder
„Hier dürfen Träume wachsen“?
