Seit Dorflin den Ruf der Süntelbuchen gehört hatte, sah er die Welt ein bisschen heller.
Die Sonne schien wärmer, die Luft roch weicher, und in seinem Skizzenbuch wurden Linien zu Geschichten.
Punkte wurden zu Sternen, Schatten zu Geheimnissen.
An einem goldenen Nachmittag setzte er sich unter die große Musikmuschel im Kurpark – dort, wo Heinz manchmal spielte.
Neben sich legte er Papierstapel aus und stellte ein kleines, handgemaltes Schild auf:
„Komm, ich zeichne deinen Traum.“
Zuerst kamen Bo und Jasper angerannt, neugierig wie immer und voller Energie.
„Mal uns Flügel!“, rief Jasper.
Dorflin grinste, nahm zwei Blätter, strich mit der Hand darüber – als würde er ein Geheimnis wecken – und ließ seine Stifte tanzen.
Linien, Kreise, Schwung.
Auf dem ersten Blatt wuchsen Jasper große, kräftige Adlerflügel – breit, mutig, stolz.
„Und ich möchte noch ein Schiff auf den Kopf!“, lachte Bo.
Auf dem zweiten Blatt bekam Bo Flügel, leicht wie bunte Blätter, und oben auf seinem Kopf thronte eine Kogge – er und sein Vater liebten Schiffe.
Als die beiden die Bilder sahen, riefen sie gleichzeitig:
„Genau so!“
Bevor Dorflin überhaupt „Bitte schön“ sagen konnte, rannten sie los.
Er hörte aus der Entfernung nur noch:
„Danke! Wir fliegen jetzt!“
Sie hielten ihre Bilder hoch über den Köpfen, rannten vom Schlösschen den Hügel hinunter – und spielten, als würden sie wirklich durch Bad Nenndorf fliegen.
Und vielleicht, wer ganz genau hinsah, konnte sogar sehen, wie ihre Fußspitzen ein kleines Stück weniger den Boden berührten.
Wenig später blieb Frau Wendler vor Dorflin stehen.
Sie runzelte die Stirn, las das Schild und schüttelte leicht den Kopf.
„Ich? Ach nein … ich hab doch keinen Traum mehr.“
Dorflin drängte nicht.
Er sah sie einfach an – mit diesem warmen, stillen Blick, den die Süntelbuchen ihn gelehrt hatten.
„Vielleicht einen ganz kleinen?“, fragte er leise.
Frau Wendler zögerte.
Ihre Hände nestelten an ihrer Jacke.
Dann sagte sie – fast flüsternd:
„Ich wollte immer Akkordeon spielen. Schon als junges Mädchen.“
Dorflin nickte und zog ein neues Blatt hervor.
Sein Stift bewegte sich sachte, sicher, als wüsste er schon den Weg.
Er zeichnete Frau Wendler – nicht jung, nicht alt, sondern so, wie sie in diesem Moment war.
Er zeichnete Hände, die ein Akkordeon hielten, ein Gesicht, das lachte, und Falten, die von Musik erzählten.
Er reichte ihr das Blatt.
Ihre Augen funkelten einen winzigen Moment lang.
„Danke, Dorflin“, sagte sie leise.
Erst hinter der nächsten Hausecke öffnete sie das Papier richtig.
Und dort sah sie sich – nicht so, wie die Welt sie sah, sondern so, wie sie sich früher einmal erträumt hatte:
mit einem Akkordeon in der Hand und einem Lächeln, das sie lange nicht mehr gespürt hatte.
An diesem Tag entschied sie:
„Jetzt geht’s los. Ich gehe zur Musikschule. Heute. Ich fange an.“
Bald kamen immer mehr Menschen mit kleinen und großen Träumen.
Dorflin zeichnete sie alle – sichtbar, liebevoll, mutmachend.
Es war, als hätte danach jede und jeder ein kleines Erinnerungsblättchen für den nächsten Schritt,
für ein Stück Weg zurück zu sich selbst.
Als die Sonne hinter den Süntelbuchen sank, hängte Dorflin einige Bilder zwischen zwei Äste.
Baddy setzte sich auf einen Ast und betrachtete die Zeichnungen.
Dann schnappte er sich eines – und flatterte frech damit davon.
Dorflin lächelte.
„Ach“, dachte er, „ich weiß genau, wo du dieses Bild hinbringst.“
Und du – wenn Dorflin deinen Traum zeichnen würde:
Was würdest du sagen, was sollte er für dich zeichnen?
