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Ein Garten der Erinnerungen

Im Herzen des Bad Nenndorfer Kurparks, wo die alten Bäume Schatten auf die grünen Wiesen warfen und die Blumenbeete in voller Blüte standen, konnte man Altfred Kolski oft sehen. Mit kräftigen, wettergegerbten Händen kniete er im Beet und pflegte die Pflanzen mit einer Sorgfalt, die nur aus jahrelanger Erfahrung stammen konnte. Für Altfred gab es nichts Schöneres, als in der Stille der Natur zu arbeiten und den Park so zu gestalten, wie er es seit Jahrzehnten tat – klassisch, zuverlässig, ohne Experimente.

Ein paar Schritte weiter arbeitete Neulin Kolski, sein Sohn, mit flinker Energie an seinen eigenen Projekten. Zwischen den alten Blumenbeeten hatte Neulin farbenfrohe Wildwiesen gesät und kleine Schutzräume für Insekten und Vögel errichtet. Sein Blick war auf die Zukunft gerichtet, auf neue Konzepte, die Mensch und Natur in Einklang bringen sollten. Doch während er seinen Traum von nachhaltigen Gärten verfolgte, spürte er oft die schweren Blicke seines Vaters im Rücken. Altfred schüttelte dann nur leise den Kopf und murmelte etwas von „unnötigen Spielereien“.

Die Spannungen zwischen Vater und Sohn lagen wie ein unsichtbarer Zaun zwischen ihnen. Keiner von beiden sprach es aus, doch beide fühlten, dass die Jahre voller stummer Enttäuschungen sie auseinandergetrieben hatten. Vor allem nach dem Tod von Neulins Mutter, Altfreds geliebter Frau, hatten sie den Kontakt zueinander verloren. Altfred war in seine Arbeit geflüchtet, während Neulin, damals erst 14, seine eigene Welt suchte – eine Welt, in der es Platz für Veränderung und Träume gab.

An einem warmen Nachmittag saßen die beiden, jeder für sich, auf der kleinen Bank am Rand der Blumenwiese. Altfred trank aus seiner alten Thermoskanne, während Neulin an seiner modernen Wasserflasche nippte. Keiner von beiden sagte ein Wort, bis plötzlich ein Windhauch durch die Luft strich. Nennia, die Hüterin des Waldes, hatte aus der Ferne zugesehen. Still und unsichtbar ließ sie ihre kleine Helferin, Alva, die grüne Schlange, durch das Gras huschen. Mit leichten, geschmeidigen Bewegungen kroch Alva zu Neulins Flasche und ließ einen winzigen Tropfen aus Nennias magischem Kelch hineingleiten.
Ein einziger Tropfen, unsichtbar und still, der Wunder wirken konnte. 

Neulin trank, ohne etwas zu ahnen. Für einen Moment schien die Welt stillzustehen. Die Sonne schien heller, das Summen der Bienen klang lauter, und die Farben der Blumen leuchteten intensiver. Er erinnerte sich plötzlich an etwas. Ein Lachen, ein Gesicht, das so lange nur ein verschwommener Schatten gewesen war – das Lächeln seiner Mutter. Er sah sich selbst als kleiner Junge, wie er mit Altfred und seiner Mutter durch diesen Park lief, Hand in Hand. Seine Mutter hatte gelacht und ihn auf ihren Schultern getragen, während Altfred mit funkelnden Augen neben ihnen herging. Der Park war damals nicht nur ein Arbeitsplatz gewesen – er war ihr gemeinsames Zuhause, ein Ort voller Leben und Freude.

Neulin drehte sich zu seinem Vater um. „Papa… erinnerst du dich an die Tage, als Mama noch hier war? Wie wir zu dritt auf der Wiese gesessen haben und sie uns Geschichten von den Blumen erzählt hat?“ Seine Stimme klang leise, aber warm. Altfred sah ihn an, überrascht von dieser Frage. Auch er fühlte den Tropfen wirken, spürte, wie die Schwere der vergangenen Jahre plötzlich ein wenig leichter wurde.

„Ja,“ antwortete Altfred schließlich und ein weiches Lächeln umspielte seine Lippen. „Sie hat immer gesagt, dass jeder Garten ein Spiegel der Seele ist. Vielleicht haben wir vergessen, diesen Garten zu pflegen… unseren Garten.“

Es war das erste Mal seit vielen Jahren, dass Vater und Sohn über sie sprachen – über ihre Mutter, die geliebte Frau, die so viele Jahre fehlte. Die Erinnerungen, die so lange verborgen gewesen waren, kamen zurück, wie Blüten, die sich langsam öffneten. Beide begannen zu erzählen, zu lachen, und sprachen über all die schönen Momente, die sie zusammen erlebt hatten. Die Spannung zwischen ihnen löste sich auf, wie Nebel, der von der Sonne vertrieben wurde.

Am Ende des Nachmittags stand Neulin auf und sagte: „Weißt du was, Papa? Vielleicht sollten wir bald mal wieder zu ihrem Grab gehen. Zusammen.“ Altfred nickte, seine Augen voller Wärme und Stolz. „Ja, Neulin. Das sollten wir tun.“

Von diesem Tag an arbeiteten die beiden Hand in Hand. Altfred brachte seinem Sohn die alten Methoden bei, während Neulin neue Ideen einbrachte, die selbst Altfred staunen ließen. Sie fanden ihren Weg, die Schönheit der Tradition und die Kraft der Moderne zu vereinen. Gemeinsam gestalteten sie den Kurpark nicht nur für die Besucher, sondern auch als ein Denkmal für ihre Frau und Mutter – und für die Liebe, die sie miteinander geteilt hatten.

Hast du auch einen Ort, an dem du dich an etwas Schönes erinnerst? Vielleicht einen Garten oder einen besonderen Platz?