Es war ein ruhiger Nachmittag im Kurpark von Bad Nenndorf. Die Sonne schob sich durch die dichten Kronen der Süntelbuchen und warf tanzende Lichtflecken auf den Boden. Ein sanfter Wind ließ die Blätter rascheln, und in der Luft lag ein friedlicher Hauch von Magie, den nur die aufmerksamsten spüren konnten. An einer Bank, direkt neben der alten Liegehalle, saß Janek Wauw, der Steinmetz des Dorfes.
Janek war ein großer, kräftiger Mann mit rauen Händen, die Geschichten von schwerer Arbeit erzählten. Seine Kleidung war von feinem Staub durchzogen, ein Überbleibsel der Steine, die er den Tag über bearbeitet hatte. In der Mittagspause hatte er sich, wie so oft, in den Kurpark zurückgezogen, um zu verschnaufen und seinen Gedanken nachzuhängen. Neben ihm lag seine Skizzenrolle, eingerollt und leicht zerknittert – darin verbargen sich Ideen für kunstvolle Skulpturen, die in seinem Kopf lebten, aber nie das Licht der Welt erblickt hatten. Janek nahm seine alte Wasserflasche und betrachtete sie in der Hand, während er seufzend das Rascheln der Blätter um sich herum hörte.
„Warum probierst du es überhaupt noch?“, hatte jemand zuletzt zu ihm gesagt, als er eine Skizze einer tanzenden Figur aus Stein gezeigt hatte. „Bleib lieber bei den Grabsteinen, Janek. Da weißt du, was du kannst.“ Diese Worte lasteten schwer auf seinem Herzen. Der Traum, seine kreative Seite auszuleben und wahre Kunst zu schaffen, schien weit weg – wie ein ferner Stern, der immer außer Reichweite blieb.
Was Janek nicht bemerkte, war, dass er nicht allein war. In den Schatten der Bäume bewegte sich etwas – ein leises Schlängeln, kaum hörbar. Alva, die grüne Schlange mit den smaragdschimmernden Schuppen, huschte geschickt durch das hohe Gras. Ihre goldenen Augen funkelten, als sie sich vorsichtig näherte. Auf ihrem Rücken saß Nennia, versteckt zwischen den Blättern und Zweigen. „Jetzt, Alva“, flüsterte Nennia leise und lächelte.
Mit einem geschmeidigen Schwung schlängelte sich Alva an die Bank heran, kaum mehr als ein grüner, flüsternder Schatten im Spiel des Sonnenlichts. Ein leises Tropfen war zu hören, als ein einzelner, klarer Tropfen aus Nennias Zauberstab-Kelch in Janeks halb geöffnete Wasserflasche glitt. Sofort verschloss Alva die Flasche wieder mit einem leichten Stups ihrer Nase und zog sich blitzschnell zurück, um sich in der Sonne zu räkeln – zufrieden, als hätte sie gerade das Beste der Welt getan.
Janek bemerkte nichts von dem kleinen Zauber, der nun in seiner Wasserflasche schlummerte. Gedankenverloren nahm er einen tiefen Schluck, während sein Blick auf den alten, verwitterten Brunnen in der Nähe fiel. Plötzlich spürte er es – ein warmes Kribbeln, das durch seinen Körper lief. Ein Gefühl, das er lange nicht mehr gekannt hatte: Leichtigkeit. Freiheit. In seinem Kopf war es, als würden die schweren Worte der Vergangenheit sich auflösen wie Nebel im Morgenlicht.
Vor seinem inneren Auge sah er sich selbst wieder als Kind. Er saß in der Werkstatt seines Großvaters, den Meißel fest in der Hand, während er aus einem groben Stein ein kleines Herz formte. „Du kannst alles erschaffen, Janek,“ hörte er die Stimme seines Großvaters flüstern. „Der Stein ist nicht nur hart – er wartet darauf, dass du seine Geschichte erzählst.“ Die Worte hallten nach, und plötzlich sah er es wieder klar vor sich: eine große Skulptur. Ein Tänzer, leicht und voller Bewegung, aus einem massiven Steinblock gemeißelt – ein Kontrast zwischen Kraft und Eleganz.
Janek riss die Augen auf und sah auf seine Hände, die Hände, die jahrelang nur das Gewohnte getan hatten. „Warum nicht noch einmal versuchen?“ murmelte er, während ein Lächeln auf sein Gesicht huschte. Das Herz schlug schneller, und zum ersten Mal seit Jahren spürte er ein tiefes Feuer in sich auflodern. Ein neues Selbstbewusstsein, das ihn wie eine warme Flamme umhüllte.
Nicht weit entfernt, zwischen den Bäumen, lächelte Nennia zufrieden. „Er hat es gespürt“, sagte sie leise, während Alva sich gemütlich auf einem sonnigen Stein zusammenrollte. „Der Mut war schon immer in ihm – er brauchte nur einen kleinen Tropfen, um ihn zu wecken.“
Janek stand auf, die Skizzenrolle fest in der Hand, und ging mit schnellen Schritten zurück zur Werkstatt. Die Vision der Skulptur war so lebendig in ihm, dass er kaum erwarten konnte, seine Werkzeuge zu nehmen und den Stein zu bearbeiten. „Vielleicht“, dachte er bei sich, „wird dieses Mal alles anders.“
Was würdest du erschaffen, wenn du aus einem Stein alles meißeln könntest, was du willst?