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Jürgen Gießen und der stille Sprung in die Vergangenheit

Es war spät am Abend, und das Rathaus von Bad Nenndorf war in ein sanftes Dämmerlicht getaucht. Alle Büros waren längst verlassen, und nur das schwache Leuchten aus dem Arbeitszimmer von Bürgermeister Jürgen Gießen durchbrach die Dunkelheit. Jürgen saß wie immer an seinem großen, blitzsauberen Schreibtisch, ein Stapel sorgfältig geordneter Akten vor sich. Die goldene Uhr an der Wand tickte gleichmäßig, während er konzentriert eine seiner Notizen mit seiner akkuraten Handschrift ergänzte.

Jürgen war ein Mann, der Ordnung und Kontrolle liebte. Sein schwarzer Anzug war wie immer makellos, die silbernen Manschettenknöpfe funkelten schwach im Licht der Schreibtischlampe. Seine Stirn war in Falten gelegt, während er über eine neue Gemeindeverordnung grübelte. „Bad Nenndorf muss funktionieren – so, wie es immer funktioniert hat,“ dachte er mit einem strengen Nicken. Veränderungen waren für Jürgen meist ein Dorn im Auge – unberechenbar und störend.

Doch heute Abend war etwas anders. Eine seltsame Müdigkeit lastete auf seinen Schultern, und ein leises Seufzen entkam ihm, als er sich in seinen Stuhl zurücklehnte und die Augen schloss. In diesem Moment, tief in der Stille des Rathauses, schlich sich etwas Unerwartetes in das Gebäude – oder besser gesagt, jemand.

Draußen, im Schatten der alten Kastanie, standen Nennia und Baddy. Nennia, die Hüterin der Süntelbuchen, blickte aufmerksam zum Fenster des Bürgermeisters hinauf. Neben ihr flatterte Baddy unruhig, seine flauschigen, pastellfarbenen Flügel leuchteten schwach im Mondschein. „Meinst du, er wird es merken?“ flüsterte Baddy aufgeregt und ließ sich auf Nennias Schulter nieder. „Er hat schon viel zu lange vergessen, wie das Leben sich leicht anfühlen kann.“

Nennia lächelte sanft und hob ihren Zauberstab, an dessen Spitze der kleine Kelch aus Süntelholz ruhte. „Es ist Zeit, ihn daran zu erinnern. Seine Seele sehnt sich danach – auch wenn er es selbst nicht weiß.“

Mit einem leisen Rascheln schlüpften die beiden durch die leicht geöffnete Tür des Rathauses und bewegten sich wie ein Flüstern durch die Gänge. Nennia schritt leise und sicher, während Baddy über ihr flatterte, die Augen weit vor Neugier. Sie hielten direkt vor Jürgens Büro an. Durch das Fenster sahen sie ihn dort sitzen, seine Augenlider schwer und das Kinn auf seine Hand gestützt.

„Jetzt oder nie,“ flüsterte Baddy kichernd, und bevor Nennia reagieren konnte, flog er in das Büro. Er schwebte direkt über Jürgens Schreibtisch und landete so leicht, dass kein Geräusch zu hören war. Jürgen bemerkte nichts. Mit einer schnellen, geschickten Bewegung schwebte Baddy über die dampfende Kaffeetasse, die noch auf dem Tisch stand, und ließ einen winzigen Tropfen des magischen Quellwassers aus Nennias Kelch hineingleiten.

Der Tropfen versank leise in der schwarzen Flüssigkeit, ein kleiner, kaum sichtbarer Schimmer, der im nächsten Moment verschwand. Baddy nickte zufrieden und flatterte zurück zur Tür, wo Nennia leise auf ihn wartete.

Jürgen öffnete die Augen und blinzelte müde. Sein Blick fiel auf den Kaffee, der inzwischen etwas abgekühlt war. „Ein Schluck noch, und dann mache ich Feierabend“, murmelte er zu sich selbst. Mit einem leichten Ruck hob er die Tasse an die Lippen und nahm einen großen Schluck.

In diesem Moment geschah es.

Ein warmer Strom zog durch seinen Körper, ein Gefühl, das er seit Jahren nicht mehr gespürt hatte. Die Strenge und der Druck der letzten Jahrzehnte schienen sich plötzlich zu lösen. Vor seinen Augen flimmerte das Bild eines Schwimmbads, eines hohen Turms, der in das glitzernde Wasser ragte. Er hörte das Echo seiner eigenen Stimme – eine Stimme, die vor Freude lachte. „Ich springe! Schaut alle her, ich springe!“

Sein Herz schlug schneller. Jürgen sah sich selbst, wie er als junger Mann auf dem Zehn-Meter-Turm stand, die Knie leicht gebeugt, das Adrenalin in den Adern. Er spürte die warme Sonne auf seiner Haut, hörte das Rauschen des Wassers und den Jubel seiner Freunde. Ein Gefühl von Freiheit breitete sich in ihm aus – pure, unbeschwerte Freiheit. Er hatte es geliebt, zu springen, den Moment des Fluges, in dem alles möglich schien.

„Turmspringen…“, murmelte Jürgen, seine Stimme leise und brüchig, fast wie ein Flüstern. Ein leichtes Lächeln zog über sein sonst so ernstes Gesicht. Er lehnte sich zurück, sah aus dem Fenster in die Nacht und spürte, wie sich sein Herz mit einem warmen, lange vermissten Gefühl füllte.

Nennia und Baddy beobachteten ihn aus dem Schatten. „Es wirkt“, hauchte Baddy zufrieden. Nennia nickte sanft. „Es ist der Anfang. Er wird sich erinnern – und vielleicht wieder fliegen.“

Hast du auch ein Hobby oder einen Traum, den du vielleicht vergessen hast? Was würdest du tun, wenn du plötzlich wieder den Mut dafür hättest?