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Jürgen und das Wasser des Mutes

Der Bürgermeister stand am Rand des Freibads.
Es roch nach Chlor, nach Sommerhaut
und einem Hauch Sonnencreme.
Irgendwo quietschte ein Sprungbrett leise,
und das Wasser glitzerte in ruhigen Wellen.

Er trug keinen Anzug. Keine Krawatte.
Nur eine dunkelblaue Badehose –
und ein Hemd, das er gleich ausziehen würde.

Rund um das Becken hatten sich Menschen versammelt.
Kinder saßen mit nassen Füßen auf den Fliesen,
hielten Eis in der Hand und warteten gespannt.

Der Wind trug eine Melodie von Heinz vom Kurpark ins Freibad.
Dorflin stand ein Stück abseits mit seinem Skizzenbuch,
bereit, etwas zu zeichnen, das man nicht festhalten kann.

Jürgen stieg die Stufen zum Turm hinauf.
Zehn Meter.
Seine Hand glitt über die raue Stahlstange.
Oben blieb er stehen und sah in den Himmel,
der an diesem Tag groß genug war für jeden Gedanken und jeden Traum.

„Ich hatte Angst“, sagte er laut, damit alle es hören konnten.
„Davor, dass man lacht, wenn ich falle. Davor, dass ich nicht mehr der bin, der ich immer war.
Aber heute will ich zeigen, was ich liebe.“

Er ging bis zur Kante, atmete tief ein – und sprang.

Für einen Herzschlag war alles still.
Dann flog er. Sauber. Leicht.
Mit einer kleinen Drehung, die niemand erwartet hatte.

Das Wasser nahm ihn auf. Kühl. Und freundlich zugleich.

Als er wieder auftauchte, brach Applaus los.
Ein Jubel, der ihm bis in die Schultern fuhr – und ihm die Luft zum Lachen nahm.

Am Beckenrand reichte ihm Nennia die Hand.
„Sichtbar machen“, sagte sie leise. „Das ist es.“
Jürgen nickte. Wasser tropfte aus seinen Haaren.
Und in seinem Blick lag die Ruhe eines Menschen,
der weiß, dass er sich zeigen darf, ohne etwas beweisen zu müssen.

Die Kinder sprangen als Nächste.
Erst vom Einer. Dann vom Dreier.
Ein paar Erwachsene trauten sich hinterher.
Nicht perfekt. Aber mutig.

Und das Wasser trug sie alle.

Und Du?
Wenn Du heute etwas sichtbar machen würdest,
das Du liebst –
was wäre es?